Wein, Tod und Gesang – Neue CD aus der Region: „Winzerhänd“ der Folkband Reinig, Braun und Böhm

Es ist kein Zufall, dass das seit einigen Jahren durch die Cellistin Isabel Eichenlaub verstärkte Pfälzer Folk-Trio Reinig, Braun und Böhm seine neue CD „Winzerhänd“ gestern auch in Bad Dürkheim vorgestellt hat: Schließlich basieren etliche der Lieder, darunter das titelgebende, auf Beiträgen Bad Dürkheimer Mundartdichter. Gisela Gall, deren erstes Mundartgedicht „Jed Ding hot soi Zeit“ auch den ersten der insgesamt 13 Tracks des Albums bildet, wird an der Präsentation auch persönlich mitwirken. Außer Galls melancholische und zugleich lebensfrohe Reflexionen über das Vergehen der Zeit hat das Trio auf der neuen Scheibe auch das „Weischiff“ von Leonhard Feuerbach, eine Hommage an die Römer, die der Pfalz den Wein und damit die Kultur brachten, vertont, und eben „Winzerhänd“, mit dem der Dürkheimer Helmut Metzger (1917–1995) den Mundartwettstreit 1981 in Bockenheim gewann. Der Song bietet eine ungekünstelte und gänzlich unsentimentale Huldigung des Winzer-Daseins mit seinen harten, aber auch schönen Momenten, bei der der in Landau lebende Akkordeonist und Klarinettist Raymond Meisters als Gastmusiker besondere Akzente setzt. So vielfältig wie diese drei Titel ist auch der Rest der CD: Der aus Essingen stammende Dichter Wilfried Berger ist mit zwei Texten vertreten, darunter einer originellen, nach „Loscht“ (Lustadt) verlegten Adaption einer Fabel von Jean de la Fontaine, die den Pfälzer Mutterwitz feiert. Auch Ausflüge in die Musikgeschichte gibt es, etwa das „Muskateller-Lied“, ein Studentenlied des 16. Jahrhunderts, oder das galante „So troll’n wir uns“ des schwedischen Rokoko-Dichters Carl Michael Bellmann. Bei diesen beiden Titeln verzichten die Pfälzer Folk-Veteranen sogar ausnahmsweise aufs Pfälzische. Aber sie können eben alles, auch Hochdeutsch. Das beweisen sie auch bei „Auf gute Brüderschaft“, einer flotten Adaption des Lessing-Gedichts „Der Tod“ mit der schönen Zeile: „Gestern, Brüder, könnt ihr’s glauben? Gestern bei dem Saft der Trauben, (Bildet euch mein Schrecken ein!) Kam der Tod zu mir herein.“

Überhaupt, der Tod! Er spielt neben dem Wein und dessen Erzeugern und Liebhabern wohl die zentrale Rolle bei der CD. Immer wieder geht es um den Lebensgenuss, symbolisiert im Rebensaft, den der Mensch dem Sensenmann abtrotzen muss. Mal erfolgreich, mal weniger. Ob das eine Alterserscheinung ist? Altersmilde sind Reinig, Braun und Böhm jedenfalls nicht geworden, wie „Uf’m Weifeschd“ zeigt, das schon 2004 aufgenommen wurde, aber nun, neu gemischt, erneut den Weg auf eine Scheibe gefunden hat. Es ist eine ziemlich deftige Abrechnung mit der „hirnlosen Sauferei“, die manche für Pfälzer Lebensart halten. Weitaus versöhnlicher ist da schon der „Dampfnudelblues“ nach einem Text des Landauers Fred Hammer.

Insgesamt bietet „Winzerhänd“ eine schöne Auswahl an anspruchsvollem, handgemachtem Pfalz-Folk mit ganz unterschiedlichen musikalischen Mitteln, wie man das von dem Trio gewohnt ist: mal in der Manier mittelalterlicher Spielleute, mal bluesig, mal klassisch, mal melancholisch, mal leutselig – immer aber professionell und hörenswert.

Holger Pöschl, DIE RHEINPFALZ am 21.09.2013, CD-Rezenzion anläßlich der Veranstaltung “Winzerhänd – Musik und Poesie um den Wein” am 20.09.2013 im Bad Dürkheimer “Haus Catoir”, zusammen mit den Gästen Gisela Gall und Raymond Meisters

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