Pfälzer Folkformation Reinig, Braun und Böhm zeigt in St. Martin, dass die Pfalz mehr kann als Schunkel-Lieder

Das Pfälzer Trio Reinig, Braun und Böhm hat am Freitagabend im Gewölbekeller des Hotels „Winzerhof“ in St. Martin gezeigt, dass es eine Pfälzer Folklore gibt, die anders ist als Schunkellieder auf Weinfesten … Nicht, dass es bei Reinig, Braun und Böhm nicht auch mal um Wein und Weinfeste ginge, aber eben nicht nur, und wenn, dann anders. Grundstock des Repertoires sind zum einen echte Volkslieder und Tänze aus der Pfalz und der französischen Nachbarschaft – so genau lässt sich das kulturgeschichtlich gar nicht trennen, zumal die einen auch mal unter deutscher und die andern mal unter französischer Herrschaft standen … Auch die bayerische Zeit der Pfalz hat ihre Spuren in der Folklore hinterlassen, es sind etwa Tänze eingewandert wie der „Zwiefache“, den Reinig, Braun und Böhm spielten, und der deshalb so heißt, weil er eigentlich zwei Tänze in zwei verschiedenen Takt-Arten miteinander kombiniert. Dreher und Walzer, ziemlich lebhaft und sicher nur etwas für geschickte und geübte Tänzer. Pfälzer oder pfälzisch beeinflusste Folklore gibt es aber nicht nur in der Pfalz: Jahrhunderte lang sind die Pfälzer ausgewandert, vor allem nach Amerika, haben nicht nur Fleiß und landwirtschaftliches Wissen mitgebracht, sondern auch ihren Dialekt, der sich mit reizvollen Einsprengseln gemischt mit anderen südwestdeutschen Dialekten als „Pennsylvania Dutch“ erhalten hat … Der zweite Schwerpunkt des Trios ist die Vertonung von Gedichten in Pfälzer Mundart, etwa von Thomas Sattel, Gisela Gall, Michael Bauer („De klääne Pälzer“). Auch das ist meilenweit von der „gemütlichen“ Wein-Weib-Gesang-Lyrik entfernt, auch dann, wenn viel Humor drinsteckt. Es sind Stimmungsbilder, etwa „S’Friehjohr“ von Thomas Sattel, ein Herbstgedicht von Gisela Gall oder der „Hotteträger“ von Wilfried Berger, eher rezitiert als gesungen mit sparsamer Instrumentierung. Auch eine Pfälzer Version der Fabel La Fontaines „Der Rabe und der Fuchs“ stammt von Berger. Sehr witzig auch der „Lehmklumpe-Blues“ von Michael Bauer …

Andrea Dölle, DIE RHEINPFALZ, 26.05.2015

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